Wohnen und Mobilität innovativ verknüpfen

Wohnen und Verkehr sind für mehr als die Hälfte des Energieverbrauchs und des CO2 Ausstoßes in Österreich verantwortlich. Wohnen ist dabei als wichtigste Quell- und Zielaktivität für die tägliche Mobilität von größter Relevanz. Aufgrund des gegenseitigen Einflusses von Wohnort und der Mobilität von Menschen sind gesamtheitliche und integrierte Lösungen gefordert. Das bmvit liefert dazu zukunftsweisende Innovationen und Technologien durch Forschungsprojekte in seinen Verkehrs- und Mobilitätsprogrammen.

Das Klimaschutzabkommen von Paris gibt dem 2-Grad-Ziel internationale Legitimität. Der Klimawandel soll auf maximal 2 Grad Temperaturerhöhung beschränkt und die dafür notwendige Reduktion der Treibhausgasemissionen durch die Unterzeichnerstaaten umgesetzt werden. Eine wesentliche Reduktion der CO2-Emissionen kann durch eine integrierte Betrachtung der Bereiche Gebäude bzw. Siedlungen und Verkehr angestoßen werden.

Wohnort, Wohnform und vorhandene Infrastruktur haben entscheidenden Einfluss auf das Mobilitätsverhalten und den Mobilitätsbedarf von BewohnerInnen. Der überwiegende Anteil der Wege beginnt und endet am Wohnort. Mobilität ermöglicht dabei die Teilnahme am sozialen und wirtschaftlichen Leben – den Weg zur Arbeit, Schulbesuch, Einkaufen, Freizeitunternehmungen etc. Insofern ist es in hohem Maße sinnvoll und nachhaltig, Energiekonzepte von Gebäuden bzw. Siedlungen durch auf die BewohnerInnen zugeschnittene Mobilitätskonzepte – im Sinne eines „Energie- und Verkehrssparhauses" – zu ergänzen.

Multimodale Lebensstile, die auf klimafreundliche Fortbewegungsarten wie Gehen, Fahrrad fahren, öffentlichen Verkehr oder Carsharing aufbauen und auf eine neue Vielfalt von Mobilitätsoptionen zurückgreifen können, bilden den Grundstein für nachhaltige Personenmobilität und klimafreundliches Wohnen. Sharing-Konzepte erfreuen sich in diesem Zusammenhang immer größerer Beliebtheit, was nicht zuletzt auf die vermehrte Verwendung von Smartphones zurückzuführen ist: Sie erleichtern die Suche nach passenden Mitfahrgelegenheiten und verfügbaren Fahrzeugen.

Generell ist auch ein Wertewandel bemerkbar, der sich im Prinzip „Teilen statt Besitzen" äußert. Die gemeinsame Nutzung eines Autos festigt als soziale Komponente den nachbarschaftlichen Zusammenhalt, neue Bekanntschaften werden geschlossen. Mobilitätsmöglichkeiten für viele Gruppen werden erhöht und Kosten gesenkt.

Neue Lösungen im Bereich „Wohnen und Mobilität" betreffen nicht nur den technologischen Bereich, es braucht auch einen Paradigmenwechsel im systemischen Bereich, der Planungs- und Organisationsprozesse sowie diesbezügliche Rahmenbedingungen (Baurecht, Geschäftsmodelle für Wohnbauträger, Verwaltung etc.) ebenso umfasst wie neue Nutzungspraktiken, um Raum für Innovation zu eröffnen. Die Forschungs- Technologie- und Innovationsprogramme des bmvit in den Themen Verkehr, Energie und IKT unterstützen vielfältige Forschungsprojekte in diesem Bereich.

Wohnen und Mobilität in Wohnanlagen – alt und neu (Quelle: Projektkonsortium WoMo – wohnen und mobilität)

Projekt WoMo

Ziel des Projekts WoMo war, unter Berücksichtigung individueller Mobilitäts­bedürfnisse von BewohnerInnen multimodale Mobilität in Wohnquartieren bereits im Planungsprozess zu verankern und konkrete Produkte dafür zu entwickeln.

Im Fokus standen die BewohnerInnen und ihr wohnungsbezogenes Mobilitätsverhalten:

  • Wohnstandortbezogene Mobilitätsstile wurden analysiert,
  • Nutzerprofile erarbeitet und
  • gewonnene Erkenntnisse im Rahmen von Fokusgruppen und ExpertInnenworkshops validiert.

Projektergebnis ist ein Modell zur Gestaltung wohnortspezifischer, urbaner Mobilitätsdienstleistungen, das auch den sozialen Kontakt vor Ort im Sinne einer lebendigen Nachbarschaft berücksichtigt und fördert.

Konkret wurden drei wohnstandortbezogene Mobilitätsprodukte entwickelt, die in Dimensionierung und Ausstattung skalierbar sind und an die jeweiligen räumlichen Bedürfnisse angepasst werden können:

  1. Mobilitäts-Pool: wohnhauseigenes Pooling-System für kleinräumige Mobilität; ein Pool an Lastenrädern und Kleinfahrzeugen, Fahrzeugzubehör sowie dazugehörige Services werden durch Bauträger, Mobilitätsbetreiber und ggf. auch im Rahmen von privatem Sharing in gut zugänglicher und sichtbarer Lage bereit gestellt.
  2. Mobilitäts-Kiosk: Ein bestehender Kiosk bzw. Shop im Quartier bietet zusätzliche Mobilitätsangebote an – denkbar als Shop-in-Shop-Konzept mit Geschäftslokal/Café/kleinem Nahversorger im Wohnhaus oder als eigenständiger Mobilitätsshop. Elemente sind Beratung zu und Verkauf von diversen Mobilitätsangeboten, Lastenrad-Verleihsystem, (E-)-Sharing-Fahrzeuge, Reparatur-Werkstatt, E-Ladesäulen, Haltebucht für Mitfahrgelegenheiten, Informationsmonitore u.a.
  3. WOMO-App: Digitale Plattform für wohnstandortbezogene Mobilitätsinformationen und -services, die alle am Wohnstandort verfügbaren Mobilitätsangebote kommuniziert. Bestandteile sind öffentliche Terminals, die WOMO-App für Smartphones, Web-Interfaces auf PC/Info-Screens (z.B. am Hauseingang) und ein Admin-Portal für Liegenschaftsverwalter.

Das Projekt wurde im Rahmen des Programms Mobilität der Zukunft des bmvit (Themenfeld Personenmobilität, 2. Ausschreibung) gefördert. Die Projektergebnisse werden auch zum Aufbau von Beratungsleistungen für Bauträger, Projektentwickler und Kommunen genutzt, damit sie wohnstandortbezogene Mobilitätsprodukte tatsächlich in die Anwendung bringen. Im Juni 2016 wurde ein Vorzeigebeispiel in Wien eröffnet, das nachfolgend beschrieben wird.

Best-practice MO.Point Perfektastraße

Das Österreichische Siedlungswerk hat die Erkenntnisse aus WoMo in einem Pilotprojekt angewendet und in der Wohnhausanlage Perfektastraße 58, im 23. Bezirk Wiens ein integriertes und zukunftsorientiertes Mobilitätssystem in Form eines „Mobility Points" umgesetzt.

Zur Verfügung steht ein Fuhrpark mit emissionsarmen Fahrzeugen, die von den BewohnerInnen der 115 Wohneinheiten und von gewerblichen AnrainerInnen ausgeliehen werden können:

  • fünf E-Bikes
  • ein Elektrolastenrad
  • ein Elektroauto
  • ein Pkw-Kombi

Mit einer Identifikationskarte können registrierte NutzerInnen via App oder Website ein Fahrzeug reservieren und beim Mobility Point, der direkt in der Wohnanlage untergebracht ist, abholen. Die vorbildliche Umsetzung ist auf die frühe Einplanung vor Beginn der Testphase bzw. auf die bauplatzübergreifende Konzepterstellung zurückzuführen. Das Projekt Best-practice MO.Point Perfektastraße wurde mit dem VCÖ-Mobilitätspreis 2016 ausgezeichnet.

Eine Identifikationskarte für den Mo.Point (Quelle: MO.Point GmbH)

Der Fokus von WoMo liegt auf nachhaltigen Mobilitätsangeboten im städtischen Bereich. Optionenvielfalt in der Mobilität und die Erreichbarkeit von Wohnstandorten sind aber gerade auch im ländlichen Raum eine Herausforderung. Konventionelle kommerzielle Carsharing-Systeme können am Land aufgrund der geringen Dichte vielfach nicht etabliert werden. Mit dieser Herausforderung beschäftigt sich u.a. das Forschungsprojekt MICHAEL.

Projekt MICHAEL – MIkro-ÖV und CarsHAring ELegant verknüpfen

Ziel von Projekt MICHAEL ist die Mobilitätssicherung in ländlichen und dispersen Räumen durch eine Verknüpfung von Car- und Ridesharing-Angeboten im Zusammenhang mit der CARUSO Plattform, die auch Personen ohne Fahrberechtigung in ihrer flexiblen und eigenständigen Mobilität stärken sollen.

Schlüsselfaktor ist dabei die Einführung einer Buchungs- bzw. Reservierungs­plattform, die in den beiden Projektpartner Gemeinden Seekirchen am Wallersee und Gaubitsch speziell für und mit den NutzerInnen entwickelt wurde. Die NutzerInnen werden in die Gestaltung des Buchungssystems mittels regelmäßiger Co-Creation-Workshops eingebunden.

Weitere wichtige Funktionen sind das Reputationssystem, ein Kommunikationssystem oder ein Belohnungssystem, die die kontinuierliche Verwendung der BenutzerInnen unterstützen sollen, sodass sie das System nicht nur benutzen, sondern Teil davon werden.

Das Projekt wird im Rahmen des Programms Mobilität der Zukunft des bmvit (Themenfeld Personenmobilität, 6. Ausschreibung) gefördert.

Best practice CARUSO

Ein Beispiel für die erfolgreiche Umsetzung von Carsharing ist die Caruso Carsharing Genossenschaft, die Mitglieder aus vier verschiedenen Gruppen hat:

  • private Unternehmen/Organisationen
  • Bauträger/Immobilienwirtschaft
  • öffentliche Hand, Unternehmen im Eigentum der öffentlichen Hand
  • Privatpersonen

CARUSO hat sich mittlerweile im In- und Ausland als Dienstleistungs- und Serviceplattform für Carsharing als Social business für unterschiedliche NutzerInnengruppen breit etabliert. Die unterschiedlichen Interessen bzw. Motivationen dieser Gruppen am Carsharing sind in nachfolgender Grafik dargestellt:

CARUSO Carsharing hat vier Gruppen von Mitgliedern definiert (Quelle: carusocarsharing.com, Vortrag von Verena Steidl)

CARUSO wurde in mehreren Projektphasen in den bmvit Programmen IV2Splus/ways2go und Mobilität der Zukunft (Themenfeld Personenmobilität) gefördert.

Projekte zu Wohnen und Mobilität im Umfeld von Bahninfrastruktur

In den drei Städten bzw. Stadtregionen Graz, Linz und Salzburg werden derzeit Test- und Demonstrationsgebieten für Innovationen und Technologien im Themenfeld Stadt/Energie, Mobilität und IKT konzipiert. Ziel der Projekte entlang der Innovationsachse Graz-Gleisdorf, im Salzburger Stadtteil Itzling und entlang der Stadt-Regio-Tram in Ansfelden ist es, Rahmenbedingungen für den Einsatz innovativer Lösungen in der Praxis zu sondieren, ein Innovations- und Technologieportfolio samt Einsatzszenarien zu konzipieren und auf die Machbarkeit zu untersuchen.

Die Projekte werden im Rahmen der 3. Ausschreibung des Programms Stadt der Zukunft des bmvit finanziert.

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